The #Cookbook Experience

Odysseus wusste was gut ist! Der Legende nach war es der Gesang der Sirene Leucosia, der den kühnen Griechen ein Auge oder ein Ohr oder vielleicht auch Beides hat werfen lassen auf eine Region Italiens, die sich Cilento nennt. Doch auch ganz ohne das Gesäusel sagenumwobener Fabelwesen ist dies ein mystischer Ort.  Besonders um ein Kochbuch zu schreiben!

Es ist Ende März in San Marco di Castallabate. Eigentlich beginnt die Saison hier frühestens Ostern, aber für uns hat Gianfranco eine Ausnahme gemacht. Sechs Tage lang wird aus seinem „Hotel Antonietta“ eine Versuchsküche. Schürzen und Messertaschen liegen überall herum, Laptops stehen auf den Tischen und im Kühlhaus stapeln sich Tüten mit Gemüse, Fisch und Fleisch. Eine Art Invasion – kulinarischer Natur. Mit lokalen Produkten Gerichte kreieren, die sich an traditionelle Rezepte anlehnen können, aber nicht müssen. Das ist die Grundidee hinter dem Kochbuch-Projekt. Einfach drauflos kochen und sehen, was dabei heraus kommt. Alles aufschreiben, Fotos machen, Geschichten und Gerichte sammeln. So viele wie wir wollen und können. Wer auch immer – was auch immer kochen mag. Mit all den köstlichen Zutaten, die dieser südlichste Zipfel Kampaniens zu bieten hat. Und derer gibt es reichlich.

In den Wäldern wachsen Trüffel, Steinpilze, Morcheln, Walderdbeeren und wilde Kräuter. Überall – oder fast überall – stehen Zitronenbäume. Auf den Märkten oder direkt aus dem Auto heraus verkaufen Händler Artischocken und den seltenen wilden Spargel. Und der Büffelmozzarella kommt hierher, das „weiße Gold“.

Die Geschichte der Küche des Cilento ist aber auch und in erster Linie eine jahrtausendealte Liebesgeschichte zwischen Mensch und Meer. Guiseppe, der Vater von Gianfranco und selber Bootsbesitzer nimmt uns mit in den Hafen von San Marco. Jeden Abend um sieben verkaufen die Fischer hier ihren Fang direkt vom Kutter: Barsche, Sardellen, Makrelen und Thunfisch, dazu Meeresfrüchte wie Tintenfische, Garnelen und Kalamare. Was gerade so ins Netz geht. Noch heute ziert jedes Boot eine kleine Meerjungfrau, als Bild unter Deck oder als Gallionsfigur am Bug. „Das ist die Sirene, nach der die „Isola di Licosa“ benannt ist“, erklärt uns Guiseppe, zieht an seiner Zigarette und macht eine kleine Kunstpause.  „Leucosia hat sich hier in die Fluten gestürzt, weil Odysseus ihrem Gesang widerstanden hat. Liebeskummer halt! Und jetzt ist sie die Schutzpatronin der Fischer aus dieser Gegend.“

Wie praktisch, dass Meerjungfrauen nicht nur Fabelwesen sind,  sondern auch von der Taille aufwärts meist unbekleidet,  denken wir tags darauf, als uns unser Weg ins Fischgeschäft von Gerardo führt. Unter den wachsamen Augen einer auf Leinwand gebannten überlebensgroßen barbusigen Leucosia kaufen wir dort ein. Machismo unter dem Deckmantel jahrtausendealter Traditionen, irgendwie hat das schon wieder Stil!

Ebenso wie das „Gossip Café“, in das uns Gerardo schickt, weil die Muscheln  erst in einer halben Stunde geliefert werden.   Im Ruhrpott würde man dazu „Büdchen“ sagen.  Allerdings bekommen wir hier besten Cappuccino, noch warme Brioche mit Aprikosenmarmelade gefüllt und als „Gossip“-Element die Lokalzeitung mit der Titelstory über den Gewinner einer TV-Kochshow, der natürlich aus dem Cilento kommt. Kaffeklatsch all’italiana!

Zurück in unserer Versuchsküche werden erst einmal die Einkäufe genauer begutachtet. Zwar hat Gerardo uns erzählt, welcher der Fische sich für Fischsuppe eignet, aber nun gilt es herauszufinden, wie die teils eigentümlich aussehenden Meeresbewohner genau heißen. Zum Glück ist Giuseppe da. Ihm zufolge haben wir drei Drachenköpfe mitgebracht, ein Petermännchen und einen Himmelsgucker. Verwirrung kommt auf, als Guiseppe sagt, wir hätten zwei Makrelen gekauft. Nein, unmöglich, wir sind uns sicher, der Fischhändler hat Tonnello gesagt, also kleiner Thunfisch. Keinesfalls, das sei Sgombro, also Makrele.  Guiseppe lässt sich nicht beirren. Dank zügiger Recherche im  Netz klärt sich die bestimmungstechnische Krisensituation: wir haben alle Recht: es sind zwei Blaufische. Eine eigenständige Fischart, auch Blaubarsch genannt, aber verwandt sowohl mit Markelen als auch Thunfischen.

Nach diesem kurzen zoologischen Exkurs kann und muss nun also endlich gekocht werden, denn schließlich stehen auf unserem Plan vier Gerichte: Gamberi-Cocktail alla Cilentana, Blaufischtar mit wildem Fenchel, Fischsuppe und „Fish and Chips“ vom Kabeljau mit Zitronenmajonaise und Kartoffelsticks. Aufgrund der vorgerückten Stunde kommen inzwischen ernstzunehmende Zweifel auf, dass sich dieses Pensum tatsächlich bewerkstelligen lässt. Spontan disponieren wir um und machen heute NUR den Fischeintopf, aufgrund seiner Herkunft und Gianfrancos tatkräftiger Hilfe denn auch „Cilecciucco Gianfranco Style“ getauft.  Wir beschließen den Tag Suppe löffelnd, seelig und satt – mit dem ein oder anderen Glas Weißwein.

Sechs Tage später. Es ist acht Uhr morgens, die ersten verschlafenen Gestalten kommen in den Speisesaal geschlurft. Felice, die gute Fee des „Antonietta“ macht Kaffe. Die Laptops werden aufgeklappt. Redaktionsschluss – wie immer, zu früh. Es fehlt doch noch die Story über das Seeigel-Sammeln … und die über Francesco, den Metzger … und natürlich die über die Powerfrauen von Santa Maria die Castellabate …  und … und … und … und irgendwie ist es dann – ganz ohne Wunder – doch geschafft.  Wir sind fertig! Im wahrsten Sinne des Wortes. Geschafft und doch nicht am Ende, denn es gäbe noch so viel mehr Geschichten zu erzählen, noch so viel mehr Rezepte zu entwicklen …. vielleicht in „The #Cookbook Experience – Part II“ … Vediamo!

…. und hier eine kleine Preview …

fish

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ines sagt:

    Das Bild und die Story sind genial Claudia!!! Freu mich auf Part II ;)! Lg aus München

  2. Claudia Poetters sagt:

    Super schöne Fotos und klasse geschrieben! Ein Traum, Claudia! Die Emotionen kommen richtig gut rüber! Man verspürt sofort den Wunsch die Koffer zu packen! LG Claudia

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